Kleine Wunder  – aus dem Alltag einer osteopathisch arbeitenden Tierärztin:

Mein Beitrag zum Buch: „Kommt ein Tier zum Arzt“ von vet-concept

 Im Laufe meiner tierärztlichen Tätigkeit im Bereich der Physiotherapie entdeckte ich das riesige Gebiet der Osteopathie und war sofort fasziniert ob deren vielfältiger Möglichkeiten. Es war, wie durch eine Schleuse aus meinem kleinen See auf den Ozean der Möglichkeiten hinauszufahren. Ich war angekommen, und meine beruflichen Erfahrungen bestärken mich darin seitdem immer wieder. Zur Veranschaulichung zwei Beispiele:

Therapiemöglichkeiten in der Größe eines Sees….

Im Wartezimmer einer Klinik traf ich durch Zufall eine Frau, die sich nach und nach von ihrer 5jährigen Hündin verabschiedete. Diese war nahezu querschnittsgelähmt, seit 2 Wochen konservativ ohne Erfolg behandelt worden und sollte nun in den nächsten Tagen erlöst werden. Ich erzählte ihr von meiner tierärztlichen physiotherapeutischen Arbeit und wir beschlossen: Einen Versuch hat die Hündin verdient.

Damit hatten wir uns Großes vorgenommen – keiner kannte die eigentliche Ursache der Lähmung. Sie hatte plötzlich im Garten aufgejault und konnte daraufhin nicht mehr aufstehen.

Auf dem Röntgenbild sah man Halswirbel 4+5 gegeneinander verschoben. Nach den 2 Wochen in der Klinik konnte sie sich leicht nach links drehen, ein Drehen zur rechten Seite war nicht möglich.

Unser Therapieplan: intensive physiotherapeutische Behandlungen wie unter anderem aktivierende Massagen, passive Bewegungen, Elektrotherapie und Reflexstimulierung, Traktionen neben den von der Klinik verordneten Medikamenten. Es traf sich gut: Die Frau war selbst Reikimeisterin, was der Hündin nun zu Gute kam. Zusätzlich kaufte sie extra ein Kochbuch für Hunde, um sie in dieser Situation bestmöglich zu ernähren.

Schon bei meinen ersten Hausbesuchen verdiente sich diese Frau meinen uneingeschränkten Respekt: neben halbstündigem Wenden des Hundes, Heraustragen der gar nicht so kleinen Hündin in den Garten, Kochen, Reiki und den von mir gezeigten Massagen und Übungen hatte sie ja noch ein Privatleben mit kleinen Kindern. Wann hat sie eigentlich geschlafen?

Doch die Mühen lohnten sich: Die Hündin zeigte schnell Besserung – kurzfristiges Stehen war mit Hilfe schon relativ schnell möglich und wurde täglich besser. Ca. 3-4 Wochen nach Behandlungsbeginn fing sie langsam an, wieder zu gehen.

Nach 2 Monaten intensivster Betreuung musste die Behandlung leider aus Kostengründen abgebrochen werden. Die Hündin konnte aber im Brustgeschirr relativ schnell auf drei Beinen laufen – noch sehr unrund zwar, aber ganz deutlich auf einem wunderbaren Weg. Ich entließ sie mit ruhigem Gewissen.

Wie durch einen Zufall war ich sechs Monate später wieder  in besagter Klinik und habe die Hündin vorbei gehen sehen – noch immer unrund, aber sichtbar glücklich. Natürlich wollte ich mir die Reaktion meines Kollegen nicht entgehen lassen und fragte bei der Besitzerin nach: die Hündin war heute nur zur Impfung da gewesen, grundsätzlich würde sie mit jedem Tag ein Stückchen besser! Ungläubig und glücklich grinsten wir uns an und waren stolz wie Bolle auf  unser aller Leistung – allen voran auf die der Hündin und ihres Frauchens.

Manchmal erstaunt uns die Natur und belehrt uns eines Besseren. Jeder hat eine Chance verdient.

…und denen eines Ozeans….

Als mich eine neue Patientenbesitzerin anrief, um einen Termin für ihren Wolfshund zu vereinbaren, ging ich in meiner Naivität von einem Irischen Wolfshund aus. Als die beiden dann zur vereinbarten Zeit vor meiner Praxistür standen, blieb mir schlagartig und sprichwörtlich das Herz stehen: Da stand ein leibhaftiger Wolf, der mich sehr genau fixierte. Atmen, atmen, atmen – und bloß nichts anmerken lassen!

Im Laufe des Anamnesegespräches (der Rüde ließ mich weiterhin keine Sekunde aus den Augen) erfuhr ich: Dies ist ein amerikanischer Wolfshundrüde; eine Mischung aus einem Malamute und einem Timber Wolf – mit zahlreichen osteopathisch gesehenen „Baustellen“.

Nach Angaben der Besitzerin tobte zusätzlich in ihm ein Kampf zwischen dem Erbe des Wolfes und dem des Hundes. Hier, in meiner Praxis, zeigte er eindeutig seine Wolfsseite.

Getreu einer kenianischen Weisheit: „Vertrauen ist die Rinde am Baum der Hoffnung“ begann ich, den Rüden osteopathisch zu untersuchen und zu behandeln.

Ich war dabei höchst fasziniert von der Feststellung, dass er viel direkter, ursprünglicher und intensiver als meine anderen Hunde-/Katzenpatienten darauf reagierte. Es war eine helle Freude, mit ihm zu arbeiten! Es ging ihm schnell und deutlich besser – wobei er mit jeder körperlichen Verbesserung auch eine Veränderung seines Wesens zeigte: Wir sahen, wie er mehr und mehr als Hund „ankam“. Seine Haltung dem Leben und uns gegenüber wurde viel freier, aufgeschlossener und fröhlicher, seine Besitzerin war völlig begeistert.

Natürlich zeigt er noch zahlreiche eindeutig wölfische Verhaltensweisen, aber die beiden Kontrahenten in ihm schienen einen Weg gefunden zu haben, friedlich miteinander zu koexistieren. Ich freue mich bis heute immer wieder, ihn und seine Besitzerin zu sehen.

Man lernt nie aus. Gerade wenn man denkt, man hat schon alles gesehen, eröffnet das Leben immer wieder neue faszinierende Möglichkeiten der Therapie. Ich freue mich auf die nächsten spannenden Jahre.